Treppenstufen in schwarz und weiß.

Heilpraktiker für
Psychotherapie

Michael Alkemper

Moral in der Psychotherapie

Arbeite ich mit Menschen, höre ich meist die Geschichten ihres Lebens. Wichtige Ereignisse, prägende, häufig belastende Erlebnisse, die oft das eigene Verhalten bis in die Gegenwart beeinflussen. Wir alle sind heute diejenigen Personen, die das Leben aus uns gemacht hat oder besser, zu denen wir uns durch unser Leben haben machen lassen.

Dabei entwickelten wir auch unsere morlischen Werte, anhand derer wir unsere Mitmenschen be- oder auch abwerten. Die moralische Bewertung meines Gegenübers ist einfach. Besonders dann, wenn ich nur sein Verhalten nach (meinen) moralischen Werten in gut oder schlecht einordnen muss.

"Dann kann ich getrost mein Urteil fällen und bin beruhigt. Vielleicht um den Preis meinem Gegenüber nicht gerecht zu werden. Wen kümmert es? Ist er erwachsen, ist der Andere alt genug, Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen. Außerdem kann ich besonders, da meine Moral die wahre ist, mich über den Anderen empören, ihn maßregeln. Somit werde ich größer und größer und … .

Vielleicht nehme ich den Anderen auch wohlwollend in meine Obhut. Zeige, was falsch ist und weise den richtigen Weg. Meine Güte zeigt ihm das Ideal, dass auch er erreicht, wenn er meinen Worten folgt. So wird er ein anständiger Mensch und ich werde größer und größer und … ."

Wenn mein Ego soviel Platz braucht, bleibt für den Anderen wenig Raum.

Moral hat eine Schutzfunktion. Mit den über die Moral aufgestellten Regeln schaffen wir Handlungsanleitungen, die das Zusammenleben ermöglichen und vereinfachen sollen. Anleitungen geben Struktur, entlang denen wir unsere Leben gestalten können. In der Psychotherapie treffen sich Menschen mit ihren unterschiedlichen Moralvorstellungen. Keine dieser (Moral-) Vorstellungen sollte als die allgemeingültige angesehen werden. "Moralisch gesehen ist das so …", stimmt nie für alle.

Moral ist individuell und kontextabhängig. Mein eigener moralischer Kompass beeinflusst meine Handlungen. Und meine moralischen Vorstellungen sind geprägt durch meine Erziehung und die Traditionen, in denen ich aufgewachsen bin und die Erfahrung, die ich in meinem Leben machte. Dabei entsteht die eigene Moralvorstellung meist aus dem Bedürfnis, meinen Eltern, Lehrern, Vorgesetzten, Partnerinnen und Partner zu gefallen. Ich will, dass sie mich annehmen, nicht ablehnen oder mein Verhalten sanktionieren.

Empöre ich mich selbst über das Verhalten des Anderen, sollte ich mir die Zeit nehmen, darüber nachzudenken, warum gerade dieses Thema mich aufregt. Häufig hilft es in seiner Vorstellung das Verhalten, das mich empört, selbst auszuprobieren und dabei auf die eigenen Gefühle zu achten. Bemerkt ein Therapeut eine ablehnende Haltung gegenüber Patientinnen und Patienten, sollte er sich fragen, was der Grund für die Ablehnung ist und inwieweit dieser Grund mehr mit seiner Person zu tun hat als mit der des Patienten.

Die Psychotherapie bzw. der "künstliche" Raum, der im gemeinsamen Kontakt zwischen PsychotherapeutIn oder HeilpraktikerIn und Patientinnen und Patienten geschaffen wird, ist ein geschützter Raum. Dort kann meiner Meinung nach jeder sein, wie er will, wenn er gleichzeitig bereit ist, die Konsequenzen für sein Handeln zu akzeptieren. Ich schreibe absichtlich "kann" und nicht "darf", da ich als Therapeut nicht die Erlaubnis geben will, wie der Einzelne sich in diesem geschützten Raum verhält. Auch wenn die Erlaubnis durch den Therapeuten von vielen oft gewünscht wird und manchmal auch notwendig ist, um den therapeutischen Prozess fortzuführen. Die Erfahrung, eigenverantwortlich zu handeln und die Reflexion dieses Handeln sind für mich wichtige Bestandteile einer psychotherapeutischen Begleitung. Würde ich meine Moralvorstellungen in die Psychotherapie und den Prozess der Patienten einfließen lassen, blockiere ich Prozesse. Gleiches gilt für Tabus, die aus moralischen Erwägungen existieren. Meine Moralvorstellungen und Tabus gehören nicht in die Psychotherapie.

Patientinnen und Patienten Halt in der Psychotherapie zu geben ist nicht von moralischen Leitlinien abhängig. Einsicht anstelle von mit Moral begründeten Regeln verändert Verhalten. Dabei hilft Transparenz und dass Wissen über meine Absichten. Transparenz löst Konflikte und vermeidet Eskalationen. Transparent im eigenen Handeln zu sein, setzt jedoch Ehrlichkeit zu mir selbst voraus und das ich die Motive meines Handelns reflektiere.

Oft schaffe ich es nicht, meine Bedürfnisse gegenüber dem Anderen durchsetzen, wenn ich offen über meine Absichten spreche. Leichter ist es, meine Bedürfnisse durch Lügen, Halbwahrheiten und Umdeutungen des Gesagtem zu befriedigen. Jeder hat seine Grenze, wann vor der eigenen Moral Verhalten noch akzeptabel ist und ab wann nicht mehr. Oft verschiebt sich die Grenze, wenn die eigene Moral die eigenen Absichten boykottiert. Allein das für sich zu erkennen, kann der positive Effekt einer Psychotherapie sein.


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