Versperrter Aufgang zu einer Terrasse mit einem Schild mit der Aufschrift: Café Sorgenfrei. Darunter ein Schild mit der Aufschrift: Betreten auf eigene Gefahr.

Heilpraktiker für
Psychotherapie

Michael Alkemper

Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt …

… oder so, dass sie wenigstens auszuhalten ist.

Ich mag die Idee der konstruierten Wirklichkeit. Jeder Mensch baut sich seine eigene innere Welt. Das, was ich als Realität bezeichne, ist etwas, das mein Gehirn aufgrund der Wahrnehmung meiner Sinnesorgane erstellt. Ich kann nie die Gewissheit haben, dass andere dasselbe wahrnehmen wie ich.

Damit Gemeinschaft funktioniert, einigt sich die Mehrzahl der Menschen auf gewisse Aspekte der subjektiven Wahrnehmung, die für alle Beteiligten vermeintlich identisch sind. Uhrzeit, Datum oder Gesetze sind Beispiele für Konstrukte, die unser Leben in der Gemeinschaft ermöglichen oder vereinfachen sollen. Menschen übernehmen die Vorgaben der Gesellschaft und treffen, weil alle sich darauf einigen, dass Datum und Uhrzeit für alle identisch sind, mehr oder weniger pünktlich zum vereinbarten Termin ein. Die Prinzipien von Besitz und Eigentum funktionieren, weil die meisten Menschen in meinem Umfeld der Meinung sind, dass etwas mir gehört. Stellt ein anderer infrage, was seins und was meins ist, endet dies irgendwann vor Gericht.

Auch die Psychotherapie ist ein solches Konstrukt. Aufgrund eines Titels (Heilpraktiker für Psychotherapie), der auf einem Blatt Papier steht, das als Urkunde bezeichnet wird und mir von einem Mann in einem Gebäude, das als Gesundheitsamt bezeichnet wird, unterschrieben ausgehändigt wurde, darf ich eine Heilpraktikerpraxis für Psychotherapie betreiben. Dies sagt allerdings überhaupt nichts über meine Kompetenzen als Psychotherapeut aus. Gleiches gilt übrigens auch für kassenärztlich zugelassene psychologische Psychotherapeuten.

In Psychotherapie, Beratung und Coaching sind konstruktivistische Ansätze sehr hilfreich. Gelingt es dem Patienten oder Klienten, die eigene Wahrnehmung als konstruiert zu hinterfragen und die subjektiv erlebte Realität nicht als feste Größe zu akzeptieren, ist Veränderung der eigenen Sicht der Dinge möglich. Der Preis, den wir dafür zahlen, ist der (ebenfalls konstruierte) Glaube, dass etwas in dieser Welt sicher ist. Dabei ist Sicherheit für die meisten von uns von so großem Wert und das Gefühl von Unsicherheit so bedrohlich, dass viele Menschen einen hohen Preis dafür bezahlen. Dass nicht nur finanziell an verschiedene Versicherungsunternehmen, sondern auch nicht monetär, in dem wir Dinge aus unserem Erleben ausblenden, bagatellisieren, uns Geschichten spinnen und nicht zuletzt beginnen zu hoffen.

Es war einmal ein siebenjähriger Junge, der seinen Vater über alles liebte. Der Papa war sein Held, Supermann und Beschützer. Als die Welt noch in Ordnung war, verbrachten die beiden viel Zeit miteinander und der Vater zeigte seinem Sohn viele tolle Sachen in der Welt. Dann wurde der Vater krank und starb kurz darauf. Der Junge war traurig, weil sein Beschützer und Held nicht mehr bei ihm war. Die Erwachsenen gaben ihm zu verstehen, dass sein Vater nie mehr zurückkommen würde. Doch insgeheim wusste er es besser. Denn die ganze Welt war damals in großer Gefahr. Sein Vater musste auf eine geheime Mission, um die Welt vor der Bedrohung zu beschützen. Er musste dafür seinen Tod vortäuschen und niemand nicht einmal die eigene Familie durfte etwas über die geheime Mission erfahren. Der Junge war sich sicher, dass sein Vater irgendwann zurückkommen würde, und er sehnte diesen Tag herbei. Natürlich durfte er niemandem davon erzählen. Die Erwachsenen hätten ihm nur gesagt, dass der Vater nie zurückkommen würde, weil er gestorben sei. Der Junge musste auch nicht zum Grab des Vaters gehen, da er wusste, dass unter dem Grabstein nur eine leere Kiste vergraben war.

Als die Zeit verging, wurde der Junge wütend auf den Vater. Die Welt hätte längst gerettet sein müssen. Warum kam er nicht zurück? Irgendwann war der Junge so wütend auf Vater, dass er gar nicht mehr wollte, dass er wiederkomme. Alle kämen sehr gut ohne ihn zurecht. Er könnte bleiben, wo immer er war. Und dann verging die Zeit, der Junge wurde älter und der Vater blieb eine Erinnerung.

Die Geschichte erzählte mir der inzwischen erwachsene junge Mann während einer psychotherapeutischen Sitzung. Der Tod seines Vaters und die damit verlorene Sicherheit hatte er nie ganz verwunden.

Der Patient hat sich als siebenjähriger Junge eine Realität geschaffen, in der der Vater als Held weiterleben konnte. Das hat die Trauer um den Verlust für ihn erträglich gemacht.

Der Junge lernte mit der Zeit, den Tod des Vaters zu überwinden, und er entwickelte Kompetenzen, sich bei anderen Menschen Sicherheit zu holen. Sich einzugestehen, wütend auf den Vater zu sein, der einfach nicht zurückkommt, ist in solchen Prozessen von großer Bedeutung. Gefühle von Scham oder Schuld verdrängen oft die Wut. Sich selbst zu erlauben, wütend auf den verlorenen Menschen zu sein, ist oft wichtig, um den Verlust zu überwinden und gehört meiner Meinung nach zur Trauer um den geliebten Menschen dazu. Bei dem jungen Mann setzte mit zunehmenden Alter ein Abgleich zwischen der kindlichen Fantasie und der Realität der Erwachsenen ein. Heute ist für den Patienten klar, dass es sich bei dem Superhelden-Vater um eine Fantasie handelt.¹

Viele Menschen leben in ihrer konstruierten Realität, ohne diese zu hinterfragen. Die auslösenden Faktoren sind nicht viel anders als bei dem siebenjährigen Jungen. Dabei liegt in der Konstruktion immer die Möglichkeit des Erneuerns oder Umwandeln. Häufig erlebte ich in psychotherapeutischen Behandlungen, dass Patienten große Entwicklungsschritte machten, wenn Sie ihr eigenes Weltbild, ihre eigenen Wahrnehmungen und inneren Bilder der Welt infrage stellten. Das ist meist nicht leicht und oft mit großen inneren Widerständen verbunden. Veränderung verunsichert und gerne bleiben wir bei dem, was wir gewohnt sind.

Ein weiteres Beispiel für die (vermeintlich rettende) konstruierte Wirklichkeit finden wir aktuell in den sozialen Netzwerken. Mit Blick auf Verschwörungstheorien rund um die Coronapandemie wird das Leid vieler Menschen deutlich. Die ständige Unsicherheit rund um Corona und den damit verbundenen Einschränkungen ist für viele nur schwer auszuhalten. Es werden äußere Objekte (Personen, Institutionen) gesucht, auf die die eigenen Ängste bzw. die Bedrohungen projiziert und bekämpft werden. Weg von einer unsichtbaren Bedrohung, die im eigenen Erleben nur schwer zu kontrollieren ist. Das schafft ein Gefühl von Kontrolle. Der Kampf gegen den vermeintlich sichtbaren Feind wird stellvertretend gegen das unsichtbare Virus geführt. Stellen andere dann diese Realität in Frage, reagieren die Betroffenen je nach Gegenüber mit dem Hinweis auf elitäres Wissen oder mit Aggression. Der Auslöser für dieses Verhalten ist Angst und das aus der Angst resultierende Bestreben, wieder ein Gefühl von Sicherheit zu erlangen.

¹: Hätte der Patient als Erwachsener die gleichen Mechanismen genutzt, wäre dies wahrscheinlich als pathologisch psychiatrisches Symptom definiert worden. Das eigene Alter entscheidet, ob ein Verhalten normal oder pathologisch ist. Aber wir müssen ja nicht jedem alles erzählen.


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