Stelzen im Wattenmeer am Dollart, Ostfriesland, Landkreis Leer (Schwarz-weiß-bild).

Heilpraktiker für
Psychotherapie

Michael Alkemper

Psychotherapie & Online‑Beratung

Termine & Kontakt

Michael Alkemper
Heilpraktiker
(Psychotherapie)

B.A. im Bereich Social-, Healthcare- and Education-Management
Staatlich anerkannter Ergotherapeut

Faldernstr. 1
26789 Leer

E-Mail: praxis@michaelalkemper.de
Telefon: 0491 79694739
Mobil: 0176 91408978

Telefonzeiten:
Dienstag bis Freitag
von 10:00 Uhr bis 17:00 Uhr

Bitte haben Sie Verständnis, wenn ich nicht immer umgehend auf Ihren Anruf reagiere. Ich rufe Sie zeitnah zurück. Therapiesitzungen erfolgen nach Absprache, selbstverständlich auch außerhalb der o. g. Zeiten.

Bitte haben Sie Verständnis, dass Termine nur nach telefonischer Absprache vergeben werden.

Vom Sinn und Unsinn der Psychotherapie

Steine im Wattenmeer bei Ditzum, Landkreis Leer, Ostfriesland (Schwarz-weiß-bild).

Menschen setzten sich jeden Tag mit dem auseinander, was das Leben für sie bereit hält. Sie sind zufrieden, glücklich, traurig, wütend, ängstlich oder desillusioniert - und das alles manchmal an einem Tag. Die Möglichkeiten des Lebens sind vielfältig. "Das Leben" selbst macht jedoch nichts. Es ist einfach da, zu jeder Zeit. Menschen leben ihr Leben und handeln, wie es für sie sinnvoll erscheint.

Trotz aller Möglichkeiten, die Menschen haben, spüren viele einen Leidensdruck. Die Gründe sind vielfältig und individuell. Es gibt kein Maß dafür, wann Belastungen erträglich sind und wann sie krank machen. Was die Eine kalt lässt, beenträchtig den Anderen so stark, dass das Leben seine Qualität verliert.

Wann macht eine Psychotherapie Sinn?

Eine Psychotherapie ist sinnvoll, wenn der Druck so groß wird, dass sich Ängste, Depressionen oder andere psychische Symptome entwickeln, die im Alltag belasten und einschränken.

Leid ist etwas sehr Persönliches. Menschen leiden an Situationen oder Personen, die ihr Leben beeinflussen und dem (vermeintlichen) Gefühl, daran nichts verändern zu können. Häufig glauben leidende Menschen, sie sein handlungsunfähig und den Umständen ausgeliefert. Hält das Leid lange an, entwickelten sie Kompetenzen, dieses Gefühl zu ertragen. Wenn der Druck des Leidens trotz allem immer größer wird, die eigenen Kompetenzen nicht mehr ausreichen, das gefühlte Leid zu bändigen, suchen viele Menschen Hilfe und Unterstützung. Manchmal auch wenn sie es einfach "leid sind" zu leiden, etwas verändern wollen und noch nicht genau wissen, was.

Psychotherapie ist Luxus. Sie kostet Zeit, Geduld und Geld. Der psychologische Psychotherapeut oder Heilpraktiker für Psychotherapie ist ein Dienstleister und bietet sein fachliches Wissen und seine Zeit gegen Geld an. Der Dienst am Kunden ist

  • sich Zeit nehmen zuzuhören,
  • Rückmeldungen geben,
  • Möglichkeiten aufzeigen,
  • Raum und Zeit für emotionale Entlastung bieten,
  • gemeinsam Ziele finden.

Dies alles setzt voraus, dass sich zwischen dem Psychotherapeuten oder Heilpraktiker und dem Patienten eine vertrauensvolle Arbeitsbeziehung entwickelt. Denn Psychotherapie ist für alle Beteiligten in erster Linie Arbeit. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit ist anstrengend und führt meist nicht auf direktem Weg zu einem besseren Lebensgefühl, sondern erst im Verlauf der Therapie.

Erfolg ist individuell

Im Allgemeinen glauben Menschen, dass eine Psychotherapie erfolgreich ist, wenn sie dem Patienten geholfen hat. "Geholfen" hat sie, so die häufige Meinung, wenn es dem Patienten nach der Psychotherapie gut geht. Was "gut gehen" bedeutet, ist für jeden Menschen anders. Wenige denken darüber nach, woran sie merken, dass es ihnen gut geht oder was "gut gehen" für sie persönlich heißt.

Eine der ersten Fragen in der Therapie ist deshalb oft, woran der Patient für sich festmachen kann, dass es ihm besser oder sogar gut geht. Dann sprechen viele darüber, was aus dem eigenen Leben verschwinden soll, welche Begebenheiten, Menschen und Gefühle nicht mehr da sein sollen. Zu sagen, was (stattdessen) sein soll, fällt vielen schwer. Hier unterstützt die Psychotherapie, den eigenen Blick zu verändern und Perspektiven zu entwickeln.

Die eigene Motivation bildet die Basis

Das Wichtigste für eine Psychotherapie ist die Motivation des Patienten. Sich mit der eigenen Persönlichkeit auseinanderzusetzen, eigene Emotionen als Teil seiner selbst zu akzeptieren und nicht zuletzt interessiert und neugierig auf das Leben zu sein, machen diese Motivation aus. Auch wenn die Stärke der Motivation im Verlauf der Psychotherapie schwankt, was ganz normal ist, bleibt sie die Basis für den gesamten Prozess.

Vom Unsinn der Psychotherapie

Der Beginn einer Psychotherapie bedeutet auch, Verantwortung für sich und sein Leben zu übernehmen. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Erleben in der Welt und die ehrliche Antwort auf die Fragen, weshalb die Dinge in meinem Leben so sind und was ich dazu beitrage, dass sie so sind und so bleiben, fällt oft nicht leicht.

Unsinnig wird die Psychotherapie bei Menschen, die in einem Muster von "Ich habe kein Einfluss auf mein Leben und bin den Umständen ausgeliefert" verharren wollen.

Viele genießen das Gespräch beim Heilpraktiker oder Psychotherapeuten. 50 Minuten in der Woche, in denen sie ihrem Ärger Luft machen können und keine Konsequenzen dafür erfahren. Frei über die Welt zu sprechen, die schlecht, gemein, benachteiligend und böse zu ihnen ist, wirkt entlastend. Dieser Prozess des Ausagierens ist wichtig im Verlauf der Therapie und unterstützt die Patienten, verinnerlichte Glaubenssätze zu hinterfragen und ggf. zu verändern. Es gibt Menschen, die in dem beharren wollen, was ist, auch wenn sie daran leiden. Das ist vollkommen okay. Sie wollen nichts verändern, sagen aber sie können nichts verändern. Veränderung sind nicht gewünscht. Die Gründe sind vielfältig. Begonnen bei der Angst, die Veränderungen und Neues mit sich bringen bis hin zu der Akzeptanz "des kleineren Übels" und dem Verbleiben in der eigenen Komfortzone. Ängste vor Veränderungen können im therapeutischen Prozess bearbeitet werden und sich Mut und Lust auf Neues daraus entwickeln. Sich aufzuraffen und die eigene Komfortzone zu verlassen ist viel schwieriger.

Unsinnig ist eine Psychotherapie meist auch, wenn Menschen von anderen "geschickt" werden. Der Andere erfährt durch den Menschen einen Leidensdruck und dieser Andere hat die Macht, den "leidauslösenden" Menschen zu einer Psychotherapie zu bewegen. Der "Geschickte" soll sich gefälligst ändern, damit der oder die Anderen weniger leiden. In diesem Fall sollte besser derjenige zur Psychotherapie kommen, der eigentlich den anderen schicken wollte. Leider werden heute oft immer noch die Schwächsten eines Systems stellvertretend für die "Leidenden" therapiert.

Rauhes Meer und Wolkenhimmel.

Honorar

Einzelsitzung

1 Sitzung: 65,00 €
(Videokonferenz, Dauer: 50 Minuten)

Die Kosten für die Leistungen von Heilpraktikern sind nach § 4 Nr. 14 Umsatzsteuergesetz von der Umsatzsteuer befreit.

Bitte beachten Sie:
Die Therapiekosten für Heilpraktiker werden von den gesetzlichen Krankenkassen nur in Ausnahmefällen übernommen.
Es gibt spezielle private Zusatzversicherungen, die je nach abgeschlossenem Vertrag, einen Teil oder die gesamten Kosten der Behandlung übernehmen. Dies gilt ebenfalls für die privaten Krankenversicherungen. Bitte klären Sie eine eventuelle Übernahme der Kosten für die Behandlung durch Ihre Krankenkasse vor Beginn der Behandlung.

Supervision

Die Kosten für die Supervision richten sich nach Ihrem individuellen Bedarf.

Weitere Informationen über Supervision und Fallsupervision in der psychosozialen Arbeit und der Kinder- und Jugendhilfe finden Sie auf der folgenden Seite.


Eine Frau sitzt in einem Sessel und schaut auf ein Tablet dass sie in ihren Händen hält.

Möglichkeiten der psychosozialen Beratung und Therapie online

Therapeutische Kontakte über Video waren schon vor der COVID-19-Pandemie ein wichtiger Bestandteil der psychosozialen Arbeit. Im Jahr 2020 erleben die Menschen drastische Einschränkungen in vielen Bereichen ihres Lebens, u.a. in der therapeutischen, sozialen und medizinischen Versorgung. Neben den vielen Nachteilen, die diese notwendigen Einschränkungen mit sich bringen, wurde vielen jedoch erst jetzt den großen Nutzen von Online-Face-to-Face-Kontakten mit Patienten per Videochat bewusst. Dabei ist der Einsatz von Videotools in Beratung und Therapie nicht neu. Pilotprojekte der Wohlfahrtsverbände, wie z. B. dem Paritätischen, starteten bereits in den 2000er-Jahren. Diese Projekte erprobten schon damals, welche Möglichkeiten virtuelle Beratungsstellen für die psychosoziale, beratende und psychotherapeutische Arbeit boten. Seit dem hat sich die Technik rasant weiterentwickelt und Datenschutz und -sicherheit gewannen in der Online-Beratung und -Therapie an Bedeutung.

Besonders in ländlichen Gebieten wie z. B. in Ostfriesland oder dem Emsland stellen Beratung und Therapie online mithilfe von Videochat-Diensten einen für viele Menschen niederschwelligen Zugang zu psychotherapeutischen und psychosozialen Angeboten dar. Die Gesundheitskonferenz im Rahmen der Digitalen Woche in Leer 2019 befasste sich ausführlich mit der digitalen Medizin. Ein Fokus lag bei dem Thema Telemedizin und dessen Chancen für den ländlichen Raum. Nur ein Jahr später gehören aufgrund einer weltweiten Pandemie telemedizinischen Angebote zu unserem Alltag.

Vorteile Videochat in Therapie, Beratung, Supervision und Pädagogik

  • Der Kontakt findet in vertrauter Umgebung der Patienten und Klienten statt.
  • Die Termine und Zeiten für Beratung und Therapie lassen sich unkomplizierter in den eigenen Alltag integrieren. Termine können flexibler und zeitnaher vereinbart werden.
  • Menschen, die aufgrund ihrer psychischen Symptome oder anderer Lebensumstände nicht oder nur eingeschränkt mobil sind, profitieren von dem niederschwelligen Zugang.
  • Es fallen keine Kosten und Zeiten für die Anfahrt zur Praxis an. Neben der Zeitersparnis wird, je nach Art des Verkehrsmittel, ein Beitrag zum Umweltschutz geleistet.
  • Manche Menschen erheben den Einwand, dass bei einer Online-Beratung und Therapie über einen Bildschirm oder Monitor, gleich ob Smartphone, Laptop, Tablet- oder Desktop-PC, Emotionen nicht gut transportiert werden. Jeder Mensch, der schon einmal bei einem Film gelacht, geweint und mitfieberte weiß, dass dies nicht so ist.

 

Datenschutz bei der Nutzung von Videotools in Beratung und Therapie

Die für therapeutische und pädagogische Videochat genutzten technischen Systeme müssen den aktuellen Datenschutzvorschriften entsprechen. Das ist Grundvoraussetzung für eine professionelle Arbeit mit diesen Medien.

So gut die Technik und der Komfort von Videochattools wie Zoom oder Skype sind, entsprechen diese nicht den Voraussetzungen des europäischen Datenschutzes. Mit der Entscheidung des EuGH das EU/US-Privacy Shield für unwirksam zu erklären, sind weitere Barrieren aufgetreten, diese Programme im Einklang mit dem europäischen Datenschutzrecht (DSGVO) zu nutzen. Hier empfehlen manche Datenschutzbehörden inzwischen, Videokonferenzdienste selbst zu hosten. Damit liegt die Kontrolle in den eigenen Händen.

Im Jahr 2020 sammelten Praxen für Psychotherapie (Heilpraktiker) und Ergotherapie sowie Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe viele Erfahrungen mit der Nutzung von Online-Angebote. Sie bauten die Möglichkeiten von Videochattools aus und passten sie den eigenen Bedürfnissen an. Online-Angebote sind heute Alternativen und Ergänzungen für Home-Treatment-, aufsuchende und teilstationäre Angebote und zu dem physischen Besuch in einer Praxis. Dabei sollten sie als gleichwertige Kontaktmöglichkeit und nicht als "Notlösung" in Zeiten einer Pandemie gesehen werden. Gerade bei der psychosozialen und -therapeutischen Versorgung bieten Online-Angebote auch Vorteile gegenüber klassischen Face-to-Face-Kontakten. Die fachlich versierten Therapeuten, Heilpraktiker und Pädagogen müssen bei jedem Patienten nach dessen Krankheitsbild bzw. dem Bedarf der Klienten sicherstellen, was die individuell passende Behandlungsform bzw. adäquate Begleitung ist. Ob diese dann (besser) online oder vor Ort erfolgen oder es Mix aus beiden ist, müssen die Fachleute in Absprache mit Patienten und Klienten entscheiden. Dies pauschal zu beurteilen, ist nicht möglich. Es geht bei dieser Entscheidung nicht um ein Entweder-oder sondern darum, Patienten und Klienten in ihren Wünschen und Zielen gerecht zu werden und ihnen eine Behandlung anzubieten, die ihren Bedürfnissen entspricht.

 

Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt …

Versperrter Aufgang zu einer Terrasse mit einem Schild mit der Aufschrift: Café Sorgenfrei. Darunter ein Schild mit der Aufschrift: Betreten auf eigene Gefahr.

… oder so, dass sie wenigstens auszuhalten ist.

Ich mag die Idee der konstruierten Wirklichkeit. Jeder Mensch baut sich seine eigene innere Welt. Das, was ich als Realität bezeichne, ist etwas, das mein Gehirn aufgrund der Wahrnehmung meiner Sinnesorgane erstellt. Ich kann nie die Gewissheit haben, dass andere dasselbe wahrnehmen wie ich.

Damit Gemeinschaft funktioniert, einigt sich die Mehrzahl der Menschen auf gewisse Aspekte der subjektiven Wahrnehmung, die für alle Beteiligten vermeintlich identisch sind. Uhrzeit, Datum oder Gesetze sind Beispiele für Konstrukte, die unser Leben in der Gemeinschaft ermöglichen oder vereinfachen sollen. Menschen übernehmen die Vorgaben der Gesellschaft und treffen, weil alle sich darauf einigen, dass Datum und Uhrzeit für alle identisch sind, mehr oder weniger pünktlich zum vereinbarten Termin ein. Die Prinzipien von Besitz und Eigentum funktionieren, weil die meisten Menschen in meinem Umfeld der Meinung sind, dass etwas mir gehört. Stellt ein anderer infrage, was seins und was meins ist, endet dies irgendwann vor Gericht.

Auch die Psychotherapie ist ein solches Konstrukt. Aufgrund eines Titels (Heilpraktiker für Psychotherapie), der auf einem Blatt Papier steht, das als Urkunde bezeichnet wird und mir von einem Mann in einem Gebäude, das als Gesundheitsamt bezeichnet wird, unterschrieben ausgehändigt wurde, darf ich eine Heilpraktikerpraxis für Psychotherapie betreiben. Dies sagt allerdings überhaupt nichts über meine Kompetenzen als Psychotherapeut aus. Gleiches gilt übrigens auch für kassenärztlich zugelassene psychologische Psychotherapeuten.

In Psychotherapie, Beratung und Coaching sind konstruktivistische Ansätze sehr hilfreich. Gelingt es dem Patienten oder Klienten, die eigene Wahrnehmung als konstruiert zu hinterfragen und die subjektiv erlebte Realität nicht als feste Größe zu akzeptieren, ist Veränderung der eigenen Sicht der Dinge möglich. Der Preis, den wir dafür zahlen, ist der (ebenfalls konstruierte) Glaube, dass etwas in dieser Welt sicher ist. Dabei ist Sicherheit für die meisten von uns von so großem Wert und das Gefühl von Unsicherheit so bedrohlich, dass viele Menschen einen hohen Preis dafür bezahlen. Dass nicht nur finanziell an verschiedene Versicherungsunternehmen, sondern auch nicht monetär, in dem wir Dinge aus unserem Erleben ausblenden, bagatellisieren, uns Geschichten spinnen und nicht zuletzt beginnen zu hoffen.

Es war einmal ein siebenjähriger Junge, der seinen Vater über alles liebte. Der Papa war sein Held, Supermann und Beschützer. Als die Welt noch in Ordnung war, verbrachten die beiden viel Zeit miteinander und der Vater zeigte seinem Sohn viele tolle Sachen in der Welt. Dann wurde der Vater krank und starb kurz darauf. Der Junge war traurig, weil sein Beschützer und Held nicht mehr bei ihm war. Die Erwachsenen gaben ihm zu verstehen, dass sein Vater nie mehr zurückkommen würde. Doch insgeheim wusste er es besser. Denn die ganze Welt war damals in großer Gefahr. Sein Vater musste auf eine geheime Mission, um die Welt vor der Bedrohung zu beschützen. Er musste dafür seinen Tod vortäuschen und niemand nicht einmal die eigene Familie durfte etwas über die geheime Mission erfahren. Der Junge war sich sicher, dass sein Vater irgendwann zurückkommen würde, und er sehnte diesen Tag herbei. Natürlich durfte er niemandem davon erzählen. Die Erwachsenen hätten ihm nur gesagt, dass der Vater nie zurückkommen würde, weil er gestorben sei. Der Junge musste auch nicht zum Grab des Vaters gehen, da er wusste, dass unter dem Grabstein nur eine leere Kiste vergraben war.

Als die Zeit verging, wurde der Junge wütend auf den Vater. Die Welt hätte längst gerettet sein müssen. Warum kam er nicht zurück? Irgendwann war der Junge so wütend auf Vater, dass er gar nicht mehr wollte, dass er wiederkomme. Alle kämen sehr gut ohne ihn zurecht. Er könnte bleiben, wo immer er war. Und dann verging die Zeit, der Junge wurde älter und der Vater blieb eine Erinnerung.

Die Geschichte erzählte mir der inzwischen erwachsene junge Mann während einer psychotherapeutischen Sitzung. Der Tod seines Vaters und die damit verlorene Sicherheit hatte er nie ganz verwunden.

Der Patient hat sich als siebenjähriger Junge eine Realität geschaffen, in der der Vater als Held weiterleben konnte. Das hat die Trauer um den Verlust für ihn erträglich gemacht.

Der Junge lernte mit der Zeit, den Tod des Vaters zu überwinden, und er entwickelte Kompetenzen, sich bei anderen Menschen Sicherheit zu holen. Sich einzugestehen, wütend auf den Vater zu sein, der einfach nicht zurückkommt, ist in solchen Prozessen von großer Bedeutung. Gefühle von Scham oder Schuld verdrängen oft die Wut. Sich selbst zu erlauben, wütend auf den verlorenen Menschen zu sein, ist oft wichtig, um den Verlust zu überwinden und gehört meiner Meinung nach zur Trauer um den geliebten Menschen dazu. Bei dem jungen Mann setzte mit zunehmenden Alter ein Abgleich zwischen der kindlichen Fantasie und der Realität der Erwachsenen ein. Heute ist für den Patienten klar, dass es sich bei dem Superhelden-Vater um eine Fantasie handelt.¹

Viele Menschen leben in ihrer konstruierten Realität, ohne diese zu hinterfragen. Die auslösenden Faktoren sind nicht viel anders als bei dem siebenjährigen Jungen. Dabei liegt in der Konstruktion immer die Möglichkeit des Erneuerns oder Umwandeln. Häufig erlebte ich in psychotherapeutischen Behandlungen, dass Patienten große Entwicklungsschritte machten, wenn Sie ihr eigenes Weltbild, ihre eigenen Wahrnehmungen und inneren Bilder der Welt infrage stellten. Das ist meist nicht leicht und oft mit großen inneren Widerständen verbunden. Veränderung verunsichert und gerne bleiben wir bei dem, was wir gewohnt sind.

Ein weiteres Beispiel für die (vermeintlich rettende) konstruierte Wirklichkeit finden wir aktuell in den sozialen Netzwerken. Mit Blick auf Verschwörungstheorien rund um die Coronapandemie wird das Leid vieler Menschen deutlich. Die ständige Unsicherheit rund um Corona und den damit verbundenen Einschränkungen ist für viele nur schwer auszuhalten. Es werden äußere Objekte (Personen, Institutionen) gesucht, auf die die eigenen Ängste bzw. die Bedrohungen projiziert und bekämpft werden. Weg von einer unsichtbaren Bedrohung, die im eigenen Erleben nur schwer zu kontrollieren ist. Das schafft ein Gefühl von Kontrolle. Der Kampf gegen den vermeintlich sichtbaren Feind wird stellvertretend gegen das unsichtbare Virus geführt. Stellen andere dann diese Realität in Frage, reagieren die Betroffenen je nach Gegenüber mit dem Hinweis auf elitäres Wissen oder mit Aggression. Der Auslöser für dieses Verhalten ist Angst und das aus der Angst resultierende Bestreben, wieder ein Gefühl von Sicherheit zu erlangen.

¹: Hätte der Patient als Erwachsener die gleichen Mechanismen genutzt, wäre dies wahrscheinlich als pathologisch psychiatrisches Symptom definiert worden. Das eigene Alter entscheidet, ob ein Verhalten normal oder pathologisch ist. Aber wir müssen ja nicht jedem alles erzählen.

Stufen einer Treppe.

Moral in der Psychotherapie

Arbeite ich mit Menschen, höre ich meist die Geschichten ihres Lebens. Wichtige Ereignisse, prägende, häufig belastende Erlebnisse, die oft das eigene Verhalten bis in die Gegenwart beeinflussen. Wir alle sind heute diejenigen Personen, die das Leben aus uns gemacht hat oder besser, zu denen wir uns durch unser Leben haben machen lassen. Die moralische Bewertung meines Gegenübers ist einfach. Besonders dann, wenn ich nur sein Verhalten nach (meinen) moralischen Werten in gut oder schlecht einordnen muss.

"Dann kann ich getrost mein Urteil fällen und bin beruhigt. Vielleicht um den Preis meinem Gegenüber nicht gerecht zu werden. Wen kümmert es? Ist er erwachsen, ist der Andere alt genug, Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen. Außerdem kann ich besonders, da meine Moral die wahre ist, mich über den Anderen empören, ihn maßregeln. Somit werde ich größer und größer und … .

Vielleicht nehme ich den Anderen auch wohlwollend in meine Obhut. Zeige, was falsch ist und weise den richtigen Weg. Meine Güte zeigt ihm das Ideal, dass auch er erreicht, wenn er meinen Worten folgt. So wird er ein anständiger Mensch. Und ich werde größer und größer und … ."

Wenn mein Ego soviel Platz braucht, bleibt für den Anderen wenig Raum.

Moral hat eine Schutzfunktion. Mit den über die Moral aufgestellten Regeln schaffen wir Handlungsanleitungen, die das Zusammenleben ermöglichen und vereinfachen sollen. Anleitungen geben Struktur, entlang denen wir unsere Leben gestalten können. In der Psychotherapie treffen sich Menschen mit ihren unterschiedlichen Moralvorstellungen. Keine dieser (Moral-) Vorstellungen sollte als die allgemeingültige angesehen werden. "Moralisch gesehen ist das so …", stimmt nie für alle.

Moral ist individuell und kontextabhängig. Mein eigener moralischer Kompass beeinflusst meine Handlungen. Und meine moralischen Vorstellungen sind geprägt durch meine Erziehung und die Traditionen, in denen ich aufgewachsen bin und die Erfahrung, die ich in meinem Leben machte. Dabei entsteht die eigene Moralvorstellung meist aus dem Bedürfnis, meinen Eltern, Lehrern, Vorgesetzten, Partnerinnen und Partner zu gefallen. Ich will, dass sie mich annehmen, nicht ablehnen oder mein Verhalten sanktionieren.

Empöre ich mich selbst über das Verhalten des Anderen, sollte ich mir die Zeit nehmen, darüber nachzudenken, warum gerade dieses Thema mich aufregt. Häufig hilft es in seiner Vorstellung das Verhalten, das mich empört, selbst auszuprobieren und dabei auf die eigenen Gefühle zu achten. Bemerkt ein Therapeut eine ablehnende Haltung gegenüber Patientinnen und Patienten, sollte er sich fragen, was der Grund für die Ablehnung ist und inwieweit dieser Grund mehr mit seiner Person zu tun hat als mit der des Patienten.

Die Psychotherapie bzw. der "künstliche" Raum, der im gemeinsamen Kontakt zwischen PsychotherapeutIn oder HeilpraktikerIn und Patientinnen und Patienten geschaffen wird, ist ein geschützter Raum. Dort kann meiner Meinung nach jeder sein, wie er will, wenn er gleichzeitig bereit ist, die Konsequenzen für sein Handeln zu akzeptieren. Ich schreibe absichtlich "kann" und nicht "darf", da ich als Therapeut nicht die Erlaubnis geben will, wie der Einzelne sich in diesem geschützten Raum verhält. Auch wenn die Erlaubnis durch den Therapeuten von vielen oft gewünscht wird und manchmal auch notwendig ist, um den therapeutischen Prozess fortzuführen. Die Erfahrung, eigenverantwortlich zu handeln und die Reflexion dieses Handeln sind für mich wichtige Bestandteile einer psychotherapeutischen Begleitung. Würde ich meine Moralvorstellungen in die Psychotherapie und den Prozess der Patienten einfließen lassen, blockiere ich Prozesse. Gleiches gilt für Tabus, die aus moralischen Erwägungen existieren. Meine Moralvorstellungen und Tabus gehören nicht in die Psychotherapie.

Patientinnen und Patienten Halt in der Psychotherapie zu geben ist nicht von moralischen Leitlinien abhängig. Einsicht anstelle von mit Moral begründeten Regeln verändert Verhalten. Dabei hilft Transparenz und dass Wissen über meine Absichten. Transparenz löst Konflikte und vermeidet Eskalationen. Transparent im eigenen Handeln zu sein, setzt jedoch Ehrlichkeit zu mir selbst voraus und das ich die Motive meines Handelns reflektiere.

Oft schaffe ich es nicht, meine Bedürfnisse gegenüber dem Anderen durchsetzen, wenn ich offen über meine Absichten spreche. Leichter ist es, meine Bedürfnisse durch Lügen, Halbwahrheiten und Umdeutungen des Gesagtem zu befriedigen. Jeder hat seine Grenze, wann vor der eigenen Moral Verhalten noch akzeptabel ist und ab wann nicht mehr. Oft verschiebt sich die Grenze, wenn die eigene Moral die eigenen Absichten boykottiert. Allein das für sich zu erkennen, kann der positive Effekt einer Psychotherapie sein.


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